Thermische Innenraumbelastung: Wie heiß es in der Wohnung wirklich wird
Stand: 12. Oktober 2026
Ein heißer Tag ist draußen nach Sonnenuntergang meist vorbei. In der Wohnung fängt er dann oft erst richtig an. Wände, Decken und Böden haben die Wärme des Tages aufgenommen und geben sie über Stunden wieder ab. Fachleute sprechen von der thermischen Innenraumbelastung. Für die Gesundheit ist sie besonders wichtig, weil sie vor allem nachts wirkt, wenn sich der Körper eigentlich erholen soll.
Was mit Innenraumtemperatur gemeint ist
Gemessen wird nicht nur die Luft. Die operative Raumtemperatur ist der Mittelwert aus der Lufttemperatur und der Temperatur der Flächen, die einen Raum umgeben. Eine aufgeheizte Dachschräge oder eine warme Außenwand strahlen Wärme ab. Deshalb kann sich ein Zimmer heiß anfühlen, obwohl ein Thermometer in der Raummitte noch einen erträglichen Wert zeigt.
Der Wetterdienst warnt auch für drinnen
Der Deutsche Wetterdienst gibt seit 2006 Hitzewarnungen heraus und bezieht seit 2011 die Belastung in Innenräumen ein. Dafür werden Gebäude für mehrere Tausend Orte in Deutschland simuliert. Eine Warnung gibt es, wenn draußen am Tag und drinnen in der Nacht über mehrere Tage eine gesundheitsschädliche Belastung zu erwarten ist. Als Grenze für die Nacht gelten 26 °C im Raum. Bleibt es nachts darüber, kann der Körper die Wärme des Tages nicht mehr ausreichend abgeben. Am Tag gilt eine gefühlte Temperatur von 32 °C als starke und von 38 °C als extreme Wärmebelastung. Im Sommer 2018 gab es in einzelnen Landkreisen an bis zu 22 Tagen eine Hitzewarnung.
Was Messungen in deutschen Wohnungen zeigen
Eine Forschungsgruppe um Jens Pfafferott hat für dieses Warnsystem echte Raumtemperaturen ausgewertet. Grundlage waren 18 Wohnräume in sieben Mehrfamilienhäusern in Rostock, Potsdam, Berlin, Weimar, Jena, Mannheim und Ludwigshafen sowie rund 530.000 Ablesungen von Heizkostenverteilern aus dem Sommer 2012. Einige Ergebnisse sind für jeden nützlich, der eine Wohnung sucht.
- Drinnen ist es wärmer als draußen. Im Mittel lag die Raumtemperatur im Sommer etwa 5 Grad über der Außentemperatur, während einer Hitzewelle immer noch etwa 2 Grad. In den genauer vermessenen Wohnräumen waren es im Sommer durchschnittlich 23,8 °C und während der Hitzewelle 26,2 °C.
- Die Hitze kommt verzögert und bleibt. Während einer viertägigen Hitzewelle im August 2012 heizten sich die Räume Tag für Tag weiter auf und kühlten danach nur langsam ab. Ein Gebäude reagiert träge, seine Zeitkonstante liegt bei rund 60 bis 100 Stunden. Die Hitze steckt also noch Tage nach der Hitzewelle in den Wänden.
- Das Gebäude macht den Unterschied. Bei hohen Außentemperaturen reichten die Raumtemperaturen von knapp 24 °C, dem tiefsten Wert in einem kühlen Gebäude, bis über 29 °C, dem höchsten in einem warmen. Zwischen kühlen, durchschnittlichen und warmen Wohnhäusern lagen mehr als 5 Grad.
- Behaglich heißt nicht unbedenklich. Ein Gebäude in Mannheim erreichte über den Sommer eine gute Komfortbewertung. Trotzdem lag die niedrigste Raumtemperatur in der Nacht an fünf Tagen über 26 °C. Eine gute Bewertung im Mittel schützt nicht vor heißen Nächten.
- Nachtlüften wurde selten genutzt. In den Messdaten war ein nächtliches Lüften nur in wenigen Räumen und dort nur in einigen Nächten zu erkennen.
Welche Wohnungen am heißesten werden
Die Studie fasst eine Reihe von Simulationen für das Warnsystem zusammen. Am heißesten werden Dachgeschosswohnungen mit schlechter Dämmung. Die niedrigsten Temperaturen sind in gut gedämmten Gebäuden mit außenliegendem Sonnenschutz zu erwarten. Gute Dämmung allein reicht aber nicht. Ohne Verschattung und ohne nächtliches Lüften kann gerade ein gut gedämmtes Gebäude zur Wärmefalle werden, weil die Wärme, die einmal drin ist, schlecht wieder hinauskommt. Und in jedem Gebäude hat das Lüftungsverhalten einen starken Einfluss auf die Raumtemperatur.
Lage und Gebäude gehören zusammen
Die Hitzebelastung im WohnData-Bericht beschreibt die Lage. Sie zeigt, wie warm die Region im Sommer ist, wie stark sich der Ort gegenüber seinem Umland aufheizt und wie viel Grün und Versiegelung es im Umfeld gibt. Mehr dazu steht im Artikel über den städtischen Hitzeinsel-Effekt. Gerade die Hitzeinsel wirkt vor allem nachts, also genau dann, wenn die Wohnung ihre Wärme loswerden müsste. Wie viel davon im Schlafzimmer ankommt, entscheidet dann das Gebäude.
Bei einer Besichtigung lohnen deshalb ein paar Fragen:
- Liegt die Wohnung unter dem Dach, und wie ist das Dach gedämmt?
- Gibt es außenliegenden Sonnenschutz wie Rollläden oder Markisen?
- Lässt sich quer lüften, und kann man nachts die Fenster öffnen, ohne dass es zu laut wird? Dazu passt der Blick auf die Lärmbelastung.
- Wohin zeigen die Fenster von Schlafzimmer und Wohnräumen?
Was sich an einer Wohnung nachrüsten lässt und welche Maßnahmen gefördert werden, steht im Abschnitt „Was sich an der eigenen Wohnung ändern lässt“ im Hitzeinsel-Artikel.
Quelle
Pfafferott, J., Rißmann, S., Halbig, G., Schröder, F., Saad, S. (2021): Towards a Generic Residential Building Model for Heat–Health Warning Systems. International Journal of Environmental Research and Public Health 18 (24), 13050. doi.org/10.3390/ijerph182413050
Die Messungen stammen aus dem Sommer 2012 und aus Mehrfamilienhäusern in deutschen Städten. Sie beschreiben typische Verhältnisse, keine einzelne Wohnung.
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